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Novelle

unveröffentlichtes Druckskript

Petra Mettke/Ulk/Novelle/Endfassung/Druckskript/2004/Coverentwurf

 

 

Petra Mettke

 

Ulk

 

Novelle

1992

570 Seiten

Redaktionsschluss: 30.12.2004/KMS

 

gebundenes Druckskript

Novelle

Es sind drei Zeitzonen, die die Novelle ausmachen, denn neben der Kerngeschichte mit ihrer Rahmenhandlung, wurde der klassischen Novelle ein Ausblick angefügt, wodurch die Zeit in die Zukunft geht. Damit wird der Irrsinn der Gesellschaft und ihrer Dogmen besonders deutlich.

Inhaltsangabe

Die Novelle beschreibt das Schicksal, wenn man in das Raster politischer Feindbilder passt und unter den Generalverdacht fällt. Es ist ein Leben in einer Nische der Gesellschaft. Dort wo die Heimat einen zum Feind stilisiert ist die Geborgenheit jeden Tag in Gefahr. Im Mittelpunkt steht eine kleine reinrassige Population einer seltenen Ponyart, die Jahrhunderte zuchttechnisch alle Gesellschaftsformen mitsamt ihrer Kriegsgelüste übersteht und trotz ihrer Kostbarkeit das Opfer einer betont friedfertigen Willkürherrschaft wird.

Werksgeschichte

Die Novelle Ulk hat eine 24 jährige Entstehungsgeschichte. Das mag viel klingen, ist jedoch angesichts der Thematik und der Reife der Grundidee nach betrachtet eine logische Konsequenz. Mir ist eine solche Zeitverzögerung zwischen Gedankenformat und Schreibformat sonst nie passiert.

Die Storyline zu Ulk fiel mir vollständig und plötzlich im Jahre 1981 ein. Der Titel war sofort da. Zur damaligen Zeit experimentierte ich mit Gedichten und begann mich erst für das literarische Schreiben zu interessieren. Filigrane, lyrische Formgebungen stellten meinen gesamten Erfahrungsschatz im Schreiben dar. Ein diffuses Gefühl von Faszination nahm von mir Besitz und sagte mir, dass diese Idee etwas ganz Besonders sei. Aber ich hatte keine Vorstellung noch Ahnung, was auf mich zukommen sollte. Der tatsächlichen Größenordnung von Ulk war ich bei weitem nicht gewachsen.

Allein das Thema überschritt schlichtweg alles, was ich denken und schreiben konnte, denn ich war gerade dabei, mir das Fundament literarischen Arbeitens zu legen. Mein erster Schritt dafür war, ich nahm ein liniertes Büchlein mit Hardcovereinband und Bleistift, um mein erstes Werk (Gedichtband) herzustellen. Einen Bleistift, weil ich als Kind damit Schönschrift gelernt hatte und immer noch beherrschte. Ästhetik war von Anfang an ein Grundsatz meines Schreibens, denn wenn ich schon die Investition einer Schrift einging, sollte sie so aussehen, dass sie mir später nicht den Mut nahm, sie zu lesen. Mit der Zuwendung ins Schriftbild wollte ich die Selbstmotivation bedienen, denn seine eigenen Schrifterzeugnisse muss man unbedingt lieben, lieben können, um den Aufwand an Arbeit einzusehen, sich selbstdisziplinarisch die Mühe zu machen. Krakelige Unterlagen haben nicht nur Papierkorbcharakter, sie sind Gedanken in Lumpen. Und beim Ausmisten entscheidet der erste Eindruck.

In Schönschrift und in einem zweiten Hardcoverbändchen begann ich die Story Ulk aufzuschreiben, sauber und ordentlich, das dauerte einerseits und andererseits benötigte ich diese Zeit dringend für neue Probleme, welche ich im Lyrikformat nicht kannte: Größe und ungehemmte Fließgeschwindigkeit von Inhalten. Erzählendes Schreiben hatte ich noch nie trainiert, deshalb betrachtete ich dieses als ersten Wurf. Der Einfall hatte eine solche Ausdehnung im Kopf, dass ich ihn mündlich hintereinanderweg an einem Tag nicht zu erzählen vermochte. Ich konnte Ulk mit niemand teilen, das heißt, das immaterielle Gedankenvolumen ließ sich nicht in einem Arbeitsgang materialisieren, egal wie ich es anstellte. Die Idee war zwar komplett vorhanden, aber sie tröpfelte mir nur langsam ins operative Bewusstsein.

Es dauerte Monate. Allein jeden neuen Tag den Punkt wieder zu finden in Gedanken, an dem die Geschichte weitergeht, kostete mir Höchstleistungen an Konzentration. Wenn die gedankliche Schnittstelle gefunden war, sprudelte diese Quelle der Stoffentstehung, als sei sie von sich aus im Fluss. Dieser dynamischen Leichtigkeit kamen jedoch auch Hemmnisse in den Weg, von denen ich keine Ahnung hatte, was man da macht. Ich verlor z. B. den Faden oder es fehlte ein Stückchen im logischen Zusammenhang. An diesen Katastrophenplätzen brach die erzählerische Niederschrift ein und es entstanden Aufzählungen, Stichworte, Fragen, die mir später die abhanden gekommenen Inhalte definieren sollten. Deshalb wusste ich von Anfang an, diese Niederschrift ist ein Gedankenprotokoll und absolut nicht mehr. Von der Idee blieb ich begeistert und war mir nun sehr sicher, sie benötige ein entsprechend literarisches Gewand. Dafür hielt ich mich keineswegs gereift. Ich beendete diesen Ideenanfall am 31.12.1981 und trug 1982 noch weitere verloren geglaubte Reststoffteile nach. Mit den Nachtträgen hatte ich 18 Komplexe geschrieben, die Geschichte besaß sofort einen Zeitverlauf, der sie aufrollte.

Nachdem ich mich mit Märchen und Kurzgeschichten in Erzähltechniken trainierte und ich die Bearbeitung der Stoffmengen gesteigert hatte, kam aus dem Nichts meine erste Novelle (Der erquickende Gast) zutage. Ich habe sie aus dem Kopf in das literarische Format der Novelle geschrieben, ohne mir eigens vorher das Format vorgenommen zu haben. Damit entstand in mir das nötige Selbstvertrauen, um sofort danach das Büchlein Ulk herauszukramen. Beim Lesen begeisterte mich die Idee sofort, sie inspirierte mich schlagartig. Ich ordnete die Inhaltskomplexe der Zeit nach und riss dafür das Büchlein auseinander. Zuerst erfand ich den Rahmen, dann nahm ich mir die Teile einzeln vor. Diese erste Novelle Ulk wurde am 31.12.1987 fertig. Ich hatte dafür 10 Monate gebraucht, sie bestand nun aus 18 Kapiteln und hatte etwas mehr als 320 Seiten.

Da ich meinen Vorrat an linierten Ringbuch-Einlagen in DIN-A5 aufbrauchen wollte und keine blasse Vorstellung vom tatsächlichen Papierverbrauch hatte, mich zudem einen enormen Schreibtempo unterwerfen musste, griff ich notgedrungen zu jeder Art Papier im Heftformat, welchem ich habhaft werden konnte. Somit wurde das Manuskript von 1987 ein Lotterhaufen. Ich benutzte zwar einen weicheren, besser sichtbaren Bleistift, als ich für das Gedichtbändchen verwendet hatte, wusste aber schon, dass eine Bleistiftschrift nicht wirklich lange gut leserlich bleibt. Ohne Bleistift war für mich die angemessene Schreibgeschwindigkeit nicht zu erreichen, da mir mit anderen Materialien die Übung fehlte. Solche Banalitäten wurden meine technischen Erfahrungen, die ich konsequent umsetzte. Ab da benutzte ich nur noch klein karierte DIN A5 Ringbucheinlagen, die ich im 200er Pack auf Vorrat hielt und ich schrieb nur noch mit türkiser Tinte, von der ich mich nie trennte.

Nach 3 Jahren Schublade holte ich mein vermeintliches Meisterwerk heraus, besaß inzwischen den ersten Computer und fühlte mich im Stande, die Novelle zu digitalisieren. Doch oh je! Als ich die Novelle las, enttäuschte mich der episodenhaft auftretende Telegrammstil derart, dass ich sie verwarf. Dennoch begeisterte mich Ulk als Idee. Ich studierte 1990 und vergammelte meine Zeit mit Warten, auf die Seminare, die Professoren in der Sprechstunde, oder in der Cafeteria, in der Bibliothek, in den Bussen und quasi überall, außer zu Hause am Computer. Also brauchte ich ein Timingkonzept und ein Arbeitskonzept, für meine Entscheidung, die Novelle neu zu schreiben.

Um unterwegs arbeiten zu können, schrieb ich die Sätze der Telegrammstilabschnitte einzeln auf ein Blatt wie eine Überschrift, um daraus mindestens einen Absatz zu entwickeln. Diese kreativen Schreibarbeiten ließen sich im Minipack mühelos erledigen. Papier war immer üppig dabei. Mancher Satz wurde ein seitenlanges Thema. Ich nummerierte fürsorglich die Seiten eines Themas einmal und die Satz-Waschzettel extra. Während der Leerzeiten des Studiums stellte ich die Waschzetteltexterweiterung aller 18 Kapitel fertig. In den Semesterferien begann ich mit dem Tintenmanuskript Ulk.

Im Grunde jedoch arbeitete ich an vielen Stellen im Werk gleichzeitig. Sobald die ersten Kapitel mit ihrem Waschzettelvolumen die Übersicht schmälern wollten, begann ich mit der Homogenisierung. Das heißt, ich arbeitete in den Text von 1987 die Erweiterungen ein und harmonisierte den Inhalt zu einen neuen Manuskript, dieses Mal in türkiser Tinte. Der nächste Schritt war die Kontrolle, der nächste Schritt die Eingabe, der nächste Schritt die Korrektur, der nächste Schritt der erste Druck, der nächste Schritt die Druckkorrektur und so weiter. Der Berg der Papiere in unterschiedlichen Stadien nahm Ausmaße an, die bedenklich machten. Deshalb begann ich ab einer Kontrollstufe des Inhalts den Waschzettelwust zu vernichten, ab einer Korrekturreinheit das türkise Manuskript zu killen und ab der Fertigstellung des Werkes alle Korrekturen zu eliminieren. Mit der Zeit stellte ich die literarische Arbeit des Tintenmanuskriptes fertig und zwar an einem 31.12.1991. Die Digitalisierung hatte die Hälfte des Werkes gerade erreicht und ging weiter.

Die Koordination des 18. Kapitels gefiel mir während des weiteren Eintippens 1992 plötzlich nicht mehr und so wollte ich die Arbeit daran etwas ruhen lassen, bis ich mit der Digitalisierung bis Kapitel 17 heran sei. Doch es kam anders, die Hardware brach zusammen und die Datenträger wurden über Nacht unbrauchbar, denn die neue Technikgeneration war nicht mehr kompatibel. Der unglaubliche Haufen Papier samt Auslaufmodelldatenträger landete für 12 Jahre in einer Schublade.

Ich hatte das Gefühl für die Faszination von Ulk zurückbehalten, jedoch auch Ulk sei nicht fertig. Im Herbst 2004 griff ich mir den Aktenberg und wollte es wissen. Ich fand die ersten 12 Kapitel zum Glück im Endausdruck vor, nicht nur auf veralteten Datenträgern, also konnte ich die über 250 DIN A 4 Seiten mit dem Scanner einlesen. Das ging verhältnismäßig schnell, da nur ein paar Einlesefehler zu korrigieren waren. Kapitel 13 und 14 waren im Korrekturdruck vorhanden, aber mit so schlechtem Farbband ausgedruckt, dass weder der Scanner noch der Kopierer die Schrift lesbar machen konnten. Ich tippte beide Kapitel ein, was ebenfalls relativ flink geschah. Kapitel 15 bis 17 waren noch im türkisenen Manuskript vorhanden, hierfür gab es jedoch keine Waschzettel mehr. Ich tippte auch sie ein.

Vom misslungenen 18. Kapitel lag das türkise Manuskript vor und es existierten auch noch alle seine Waschzettel. Darüber hinaus fand ich alle übrig gebliebenen Waschzettel, die keinen Platz beim Homogenisieren 1991 im Skript ergattern konnten. Das waren mehr, als das ganze 18. Kapitel groß war.

Nach gründlicher Prüfung begann ich die Waschzettel so weit wie nur irgend möglich auf die Kapitel 15 bis 18 neu zu verteilen. Ich entdeckte niedrige Nummern und ordnete sie über die Fassung von 1987 den Kapiteln zu, wo sie hingehörten. Da aber der Anfang bis einschließlich Kapitel 14 perfekt war, suchte ich dann für sie neue Plätze. Ins 15. Kapitel arbeitete ich nur wenige Waschzettel ein, ins 16. ein paar mehr, ins 17. landeten die meisten. Ich benutzte den dreiseitigen Countdown, um alles unterzubringen, wodurch sich das Verhältnis zwischen den winzigen Countdown und der umfangreich geschilderten Katastrophe verkehrte. Die ungekürzte Katastrophe wurde zum Schlussstein. Eine weitere Veränderung, die ich vornahm, waren die Dialoge auf den Waschzetteln. Sie passten nicht mehr optimal zu den Charakteren, da sie ja zum Teil spätere Standorte bekamen. Es war mir zu billig, nur Waschzettelaneinanderreihung zu betreiben, ich wandelte daher Texte in Profil gebende Dialoge um und setzte sie ein und machte aus ehemaligen Dialogen Erzähltexte, die ich als Abschnitte einfügte. So wahrte ich den künstlerischen Prozess, den ich auch 1992 ebenso hätte walten lassen müssen.

Im 18. Kapitel verfuhr ich anders. In der 91er Version war eine Aufhebung der Tragik dazugekommen im Unterschied zur 87er Version. Diese hatte ich durch visionäre Einschübe erzählt, die ich nicht mehr stehen lassen konnte. Das Gigabuch Michael hat mich in Sachen Visionen trainiert. Deshalb stellte ich den Zeitpfeil wieder korrekt her wie 1987 und fasste die Vorschau in den Nachtrag zusammen, der 1991 lediglich aus dem Novellenrahmen führte.

Die meisten Waschzettel konnten so integriert werden, es blieben nur wenige übrig. Unter ihnen ist die komplexe Herkunft von Frau Copen: die Eltern (Diplomaten- und Expeditionsära) und die mütterlichen Großeltern (Großgrundbesitzer und Gestütsinhaber), Bruder (Kriegsopfer), die väterlichen Großeltern (Militärs) und ein Onkel (Konzerttourneen), sowie die Herkunft ihres Mannes (Architekt), dessen Eltern (Grafenstammsitz) und die Schatzgeschichte (Hitlerverweigerung). Diese Historie hätte die Zeit Ferdinands relativiert, deshalb war sie schon 1991 verworfen worden. Dennoch gehörte dieses Genom - Equipment mit zur Simulation des erdachten Stückes.

Obwohl ich diese Novelle 2004 fertig gestellt habe, nehme ich für mich in Anspruch, lediglich die Novelle von 1991 vollständig digitalisiert zu haben. Ich kann meine Tätigkeit am Material nicht als eine neue Bearbeitung anerkennen, weil ich nichts Kreatives geleistet habe. Im Grunde genommen habe ich bloß fertiges Zubehör neu sortiert und auf Wirkung geprüft, das heißt, ich habe eine Hälfte des 91er Ulks nachträglich anders inszeniert. In bestimmten Fällen, zum Beispiel wenn man nicht der Autor des Stückes ist, kann man die Inszenierung als Eigenleistung kreativer Art anerkennen. Dies ist hier nicht der Fall. Ich für meine Person sehe keinerlei kreative Leistung im Arbeitsgang vom 2004.

Der entscheidende Faktor ist dabei, dass nichts Neues oder Unvorhergesehenes entstanden ist. Mein Barometer für Kreativität schlug im November 2004 wieder einmal aus und ich lief über, indem ich meine erste Märchentrilogie schrieb und zusätzlich mir noch ein Märchen einfiel, die ich alle vier meinem dritten Märchenbuch Märchenstaub zugeordnet habe. Jede Art Aufarbeitungen, Abschriften oder Korrekturen langweilen mich intellektuell regelmäßig am heftigsten, sodass diese ganz normalen Arbeiten gewohnheitsgemäß zu Schreibeinfällen führen. Genauso war es auch während der Digitalisierung des Ulk, denn Modifizieren, Sortieren oder Ordnen sind bei meinem Leistungsvermögen mechanische Banalitäten. Wenn man bedenkt, dass beide Dinge nichts, rein gar nichts miteinander zu tun haben, jedoch zeitgleich entstanden, versteht man, was ich unter Kreativität bei mir anzusehen pflege.

Ich habe vier Monate gebraucht, um aus einem unübersichtlichen Haufen Papier ein Werk und volle Papierkörbe zu produzieren. Ich will nicht unterschlagen, ich suchte stets die Unterredung mit meiner Schwester Karin, die solchen Gebaren am besten gewachsen ist. Ihre Aufgabe war, sich schlichtweg für Sachverhalte offen zu halten, deren Inhalt nur in meinem Kopf zugegen sind. Mitarbeiten bedeutet da gleichartig kreativ sein. Aus den chaotischen Disputen, die jeder verwerfen würde, beziehen wir zwei unsere durch und durch gedachte Vorstellung. Ich schreibe fast immer allein, Gedachtes überrede ich lieber, bevor es geschrieben wird. Das macht meine Perfektion aus.

Den Rest der Waschzettel und des Tintenmanuskripts, sowie alle alten Drucke verschwanden im Papiermüll. Übrig ist noch das Lotterskript von 1987, über welches ich noch entscheiden werde, denn bald ist die Bleistiftschrift sowieso völlig verblasst.

Es ist viel mehr Inhalt geworden, als ich je dachte. Ich war einer solchen Idee ausgesetzt, als es noch lange nicht in meinen Fähigkeiten lag, sie zu bewältigen. Sie konnte nicht eher gelingen. Jetzt nach 24 Jahren habe ich endlich das Gefühl bekommen, dass sie fertig ist, der Reiz von Begeisterung und Faszination ist erloschen, es ist vorbei. Und das erste Mal im Marathon um Ulk hebt sich die Kuriosität auf, an Silvester fertig geworden zu sein!

© 30.12.2004/Petra Mettke

Leseprobe aus der Novelle in PDF

Leseprobe aus der Novelle Ulk
Der Ponyhengst Ulk entkommt der Tragödie.
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Leseprobe aus der Novelle

S. 272-278

»Der Zustand Ihres Sattels ist nicht ganz aussichtslos. Das nimmt jedoch Zeit in Anspruch. Wenn ich es richtig sehe, sitzen Sie heute hier fest, wenn Ihnen nicht noch eine Idee kommt, wo sie Zündkerzen borgen können.« sagte Copen sich aufrichtend in die heilsame Stille hinein.

Angesprochen zuckte Isolde heftig zusammen und schäumte erschrocken:

»Oh nur nicht, ich habe ja gar keine Zeit! Borgen? Nun, vielleicht bei unserem Assistenzarzt in der Siedlung hinter der Plantage. Ich werde am besten sofort losgehen.«

Ihr unaufdringliches Verhalten reizte Copen:

»Prima, mit nassen Stiefeln oder gleich in Socken!«

Alle lachen. Doch diese Gemeinschaftlichkeit hob Copen schlagartig auf und ging den Bub vor den Schlitten spannen. Die Mutter suchte derweil dicke Sachen, alte Stiefel, Mütze, Schal und dicke Fingerhandschuh für Isolde zusammen, deren Bekleidung tatsächlich unzweckmäßig und vor allem witterungsungeeignet war. Besser gegen den Winter gewappnet, erschien sie auf dem Hof. Copen schmunzelte, wie sie sich zwischen Schal und Mütze verschanzt hatte. Längst erreichte der Dämmerungsgrad das Dunkelsein. Da der Schneefall ein Einsehen mit der ächzenden Erde gehabt hatte und sein Tun vorläufig einstellte, wurde die Luft frisch, windstill und glasklar. Die übrigen Schneewolken und die liegende Schneedecke reflektierten eine silbern stille Helligkeit. Jetzt im Dunkel mit einem Pony durch das Gelände zu kraulen, versprach Isolde ungemütlich und anstrengend zu werden. Sie schüttelte sich, nicht wegen der Kälte, sondern aus innerer Abneigung, die sie überwinden musste. Die schöne sorglos-warme Stube war ein Paradies dagegen. Copen öffnete das Osttor und setzte sich auf den niedrigen Schlitten.

»Nun kommen Sie schon, sonst frieren Sie wieder fest!«

Dieser simple Kinderschlitten besaß lediglich eine Blende, damit die Hufe den Menschen nicht den Schnee ins Gesicht warfen während des Laufes und besonders breite Kufen, um die Füße sicher zu parken. Einladend wirkte das Spielzeug nicht auf Isolde und der Ruck, den sie sich geben musste, krampfte sich hart aus ihrer Seele. Sie nahm dicht hinter ihm Platz, konnte gerade noch seine Jacke ergreifen, um sich daran festzukrallen, denn schon zog Bub ungeduldig an. Mordsbube trabte in die Nacht hinaus, in den dunklen Wald. Sobald der Schein der Hoflichter verschwand, leuchtete die weiße Welt selbsttätig. Romantisch schwiegen die Bäume, überladen mit Pulverschnee in einem glitzernden Frieden. Als sich die Augen an die kalte Leuchtkraft gewöhnt hatten, tränten sie durch den Luftzug der rasanten Fahrt und der Schnee begann sie sogar zu blenden. Das Pony galoppierte im losen Schneegestöber und die Kufen sanken erstaunlich tief ein.

»Legen Sie sich in die Kurve!« brüllte Copen gegen den Windzug.

Und schon fegten sie um eine Baumgruppe. Das machte Spaß. Als Bub das Lachen der beiden hörte, legte er sich noch kraftvoller in die Sielen. Doch ein zugewehter Graben ließ den Schlitten plötzlich umkippen. Bub stand auf Zuruf still. Beide sammelten sich aus dem Schneehaufen und lachten wie die Kinder. Isolde krümmte sich dabei, weil Copen wie ein verschütteter Schneemann aussah, tippte dabei versehentlich an einen Ast und der ergoss lawinenartig seine Last auch noch über Copen. Bub wieherte, ganz so als kichere er mit. Als sich das Gelächter beruhigte, zeigte Isolde auf den umgekippten Schlitten und behauptete:

»Das kann ich auch!« meinte sie verspielt: »Darf ich auch mal fahren?« -

»Warum nicht, wenn Sie noch nicht genug vom Schnee gekostet haben?« antwortet Copen trocken.

Bub schniefte. Sein Atem zog silberne Streifen. Es war ihm nicht egal, dass sie nun vorne saß und etwas ungeschickt anfuhr. Copen saß dicht hinter ihr und griff um sie herum zur Korrektur in die Leinen. Ein schönes Gefühl durchströmte sie, so, als umarme er sie. Obwohl sie sich zu konzentrieren versuchte, kamen sie nicht weit und der Schlitten kippte zur Seite. Auf Kommando hielt Bub an und verdrehte seinen Hals neugierig, um sich die Bescherung hinter sich genauer anzusehen. Während sich beide gegenseitig den Schnee abklopften, lachten sie wieder ungehemmt.

»Ist ja schwierig. Der Mordsbube lief einfach zu weit links.« verteidigte sie ihre Fahrkünste.

»Das kann jeder sagen, Sie sollten Zielwasser trinken, um die nächste Wurzelstolperstelle besser anzupeilen.«

Sie verzichtete auf das Fahren, nahm hinter ihm Platz und spürte, wie Nässe und Kälte trotz Spaß alle innere Wärme aufzufressen begannen. Gemäßigter fuhren sie dorthin, wo Isolde angab, dass ihr Kollege wohnte. Sie brauchte kaum fünf Minuten, um mit Zündkerzen zurück zu kommen. Copen hatte inzwischen gewendet.

»Stellen Sie sich vor,« sprudelte sie außer sich vor Verwunderung, »er hatte gerade Zündkerzen gekauft und die lagen noch auf der Kommode in der Diele. Es ist heute ein Tag voller wunderlicher Zufälle.«

Bub war richtig schön warm gelaufen und wieselte mit unübertrefflichem Schneid zurück. Dank der Spur im Schnee konnte Copen einen sicheren Weg befahren. Als sie am Schneemuster ihres zweiten Sturzes vorbeijagten, lachten sie unwillkürlich wieder auf, denn in der unberührten Landschaft wirkte diese Wälzstelle wie ein chronischer Witz. Dieses Mal war es der leichte Wind, der sie neckte. Mehrfach wirbelte er Lawinen von den Tannenzweigen und staubte sie zu. Selbst Bub klatschen sie aufs Kreuz. Kreischend füllte der Schnee die Kragenritzen der Reisenden und rieselte bis auf die Haut. Übermütigem Herzens kehrten sie endlich heim.

Copen verstaute das Pony, fütterte auch die Junghengste und ließ Isolde derweil den Bub trocken rubbeln. Er widmete sich dann sofort dem Zündkerzenwechsel, was die Ulkbande mit wachem Interesse verfolgte. Das Futter schmeckte trotz Schaulust, die Futterkrippen lagen blickgünstig. Die Junghengste zogen ab und zu kontrollierend den Schädel aus dem Futter und äugten muffelnd auf das türkise Monster. Die Batterie baute er noch nicht ein, sie brauchte noch zwei Stunden.

»Ich ahnte nicht, dass Sie sich auch mit Autos auskennen, Herr Copen. Hatten Sie einmal eins?« fragte sie, als Copen mit seiner Arbeit fertig war, ihr zuschaute.

»Ja, vor vielen Jahren.«

Seine Antwort besaß schon wieder das bedrohlich Knappe und Ernste.

»Dass man mit Ponys solchen Spaß haben kann, hätte ich mir nicht träumen lassen. So zu lachen hat mir schon lange gefehlt. Dafür habe ich tatsächlich nie Grund. Die Klinik, die Kinder und das Reiten machen mehr Ärger als Freude. Ich weiß nicht, Sie lachen sicherlich auch selten, aber manchmal könnte ich Sie um Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit, halt um Ihre Harmonie beneiden.« schwärmte sie und betrachtete ihre Arbeit als erledigt.

»Was denken Sie, ich lache oft. Die Ponys können wahre Clowns sein.« -

»Ach, was!« -

»Ja,« grinste er glucksend in sich hinein, »einmal hat Bub meine Mutter auf dem Hof ausgezogen ...« und ging vollends in ein Gelächter über: »Da lief sie doch in einer Küchenschürze herum, keine Ahnung, wo sie das Ding herhatte. Ich arbeitete in der Werkstatt, sah das und fand es schrecklich und Bub teilte einfach meinen Geschmack. Ich fand, er tat das einzig richtige,« lachte er hallend auf, »um sie von diesem Bekleidungstick für immer zu kurieren.«

Mit hochgezogenen Brauen bremste er seinen Lachanfall aus, um dann weiter zu erzählen:

»Er zog die Rückenschleife auf und solange weiter, bis das Nackenband kaputt war. Mit seiner Beute jagte er über den Hof und zertrampelte das gute Stück in einer rührenden Wut.«

Isolde lachte herzhaft mit.

»Meine Mutter schrie, denn Bub hatte auch ihren Rockgummi erwischt und der Rock fiel ihr um die Füße. Sie stieg darüber, hob ihn auf und kam zu mir hinein, einfach drollig, so mit dem Rock in der Hand in Unterwäsche. Wau, wie sie schimpfte, weil ich mich vor Lachen biegen musste.« gurgelte er und ahmte die wütende Stimme der Mutter nach: »Ferdinand Emanuel, tu doch etwas, brüllte sie, um schließlich selber loszulachen. Wir kamen eine ganze Weile nicht zur Ruhe, bis Bub in die Werkstatt guckte, da war sie wieder sauer.«

Sie verließen die Scheune.

© 31.12.1991/PM