Leseprobe Ulk

Petra Mettke/Ulk/Novelle  von 1992

Petra Mettke

 

Ulk

 

Novelle

1992

570 Seiten

Redaktionsschluss: 30.12.2004/KMS

Leseprobe aus der Novelle Ulk
Der Ponyhengst Ulk entkommt der Tragödie.
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Leseprobe aus der Novelle

S. 272-278

»Der Zustand Ihres Sattels ist nicht ganz aussichtslos. Das nimmt jedoch Zeit in Anspruch. Wenn ich es richtig sehe, sitzen Sie heute hier fest, wenn Ihnen nicht noch eine Idee kommt, wo sie Zündkerzen borgen können.« sagte Copen sich aufrichtend in die heilsame Stille hinein.

Angesprochen zuckte Isolde heftig zusammen und schäumte erschrocken:

»Oh nur nicht, ich habe ja gar keine Zeit! Borgen? Nun, vielleicht bei unserem Assistenzarzt in der Siedlung hinter der Plantage. Ich werde am besten sofort losgehen.«

Ihr unaufdringliches Verhalten reizte Copen:

»Prima, mit nassen Stiefeln oder gleich in Socken!«

Alle lachen. Doch diese Gemeinschaftlichkeit hob Copen schlagartig auf und ging den Bub vor den Schlitten spannen. Die Mutter suchte derweil dicke Sachen, alte Stiefel, Mütze, Schal und dicke Fingerhandschuh für Isolde zusammen, deren Bekleidung tatsächlich unzweckmäßig und vor allem witterungsungeeignet war. Besser gegen den Winter gewappnet, erschien sie auf dem Hof. Copen schmunzelte, wie sie sich zwischen Schal und Mütze verschanzt hatte. Längst erreichte der Dämmerungsgrad das Dunkelsein. Da der Schneefall ein Einsehen mit der ächzenden Erde gehabt hatte und sein Tun vorläufig einstellte, wurde die Luft frisch, windstill und glasklar. Die übrigen Schneewolken und die liegende Schneedecke reflektierten eine silbern stille Helligkeit. Jetzt im Dunkel mit einem Pony durch das Gelände zu kraulen, versprach Isolde ungemütlich und anstrengend zu werden. Sie schüttelte sich, nicht wegen der Kälte, sondern aus innerer Abneigung, die sie überwinden musste. Die schöne sorglos-warme Stube war ein Paradies dagegen. Copen öffnete das Osttor und setzte sich auf den niedrigen Schlitten.

»Nun kommen Sie schon, sonst frieren Sie wieder fest!«

Dieser simple Kinderschlitten besaß lediglich eine Blende, damit die Hufe den Menschen nicht den Schnee ins Gesicht warfen während des Laufes und besonders breite Kufen, um die Füße sicher zu parken. Einladend wirkte das Spielzeug nicht auf Isolde und der Ruck, den sie sich geben musste, krampfte sich hart aus ihrer Seele. Sie nahm dicht hinter ihm Platz, konnte gerade noch seine Jacke ergreifen, um sich daran festzukrallen, denn schon zog Bub ungeduldig an. Mordsbube trabte in die Nacht hinaus, in den dunklen Wald. Sobald der Schein der Hoflichter verschwand, leuchtete die weiße Welt selbsttätig. Romantisch schwiegen die Bäume, überladen mit Pulverschnee in einem glitzernden Frieden. Als sich die Augen an die kalte Leuchtkraft gewöhnt hatten, tränten sie durch den Luftzug der rasanten Fahrt und der Schnee begann sie sogar zu blenden. Das Pony galoppierte im losen Schneegestöber und die Kufen sanken erstaunlich tief ein.

»Legen Sie sich in die Kurve!« brüllte Copen gegen den Windzug.

Und schon fegten sie um eine Baumgruppe. Das machte Spaß. Als Bub das Lachen der beiden hörte, legte er sich noch kraftvoller in die Sielen. Doch ein zugewehter Graben ließ den Schlitten plötzlich umkippen. Bub stand auf Zuruf still. Beide sammelten sich aus dem Schneehaufen und lachten wie die Kinder. Isolde krümmte sich dabei, weil Copen wie ein verschütteter Schneemann aussah, tippte dabei versehentlich an einen Ast und der ergoss lawinenartig seine Last auch noch über Copen. Bub wieherte, ganz so als kichere er mit. Als sich das Gelächter beruhigte, zeigte Isolde auf den umgekippten Schlitten und behauptete:

»Das kann ich auch!« meinte sie verspielt: »Darf ich auch mal fahren?« -

»Warum nicht, wenn Sie noch nicht genug vom Schnee gekostet haben?« antwortet Copen trocken.

Bub schniefte. Sein Atem zog silberne Streifen. Es war ihm nicht egal, dass sie nun vorne saß und etwas ungeschickt anfuhr. Copen saß dicht hinter ihr und griff um sie herum zur Korrektur in die Leinen. Ein schönes Gefühl durchströmte sie, so, als umarme er sie. Obwohl sie sich zu konzentrieren versuchte, kamen sie nicht weit und der Schlitten kippte zur Seite. Auf Kommando hielt Bub an und verdrehte seinen Hals neugierig, um sich die Bescherung hinter sich genauer anzusehen. Während sich beide gegenseitig den Schnee abklopften, lachten sie wieder ungehemmt.

»Ist ja schwierig. Der Mordsbube lief einfach zu weit links.« verteidigte sie ihre Fahrkünste.

»Das kann jeder sagen, Sie sollten Zielwasser trinken, um die nächste Wurzelstolperstelle besser anzupeilen.«

Sie verzichtete auf das Fahren, nahm hinter ihm Platz und spürte, wie Nässe und Kälte trotz Spaß alle innere Wärme aufzufressen begannen. Gemäßigter fuhren sie dorthin, wo Isolde angab, dass ihr Kollege wohnte. Sie brauchte kaum fünf Minuten, um mit Zündkerzen zurück zu kommen. Copen hatte inzwischen gewendet.

»Stellen Sie sich vor,« sprudelte sie außer sich vor Verwunderung, »er hatte gerade Zündkerzen gekauft und die lagen noch auf der Kommode in der Diele. Es ist heute ein Tag voller wunderlicher Zufälle.«

Bub war richtig schön warm gelaufen und wieselte mit unübertrefflichem Schneid zurück. Dank der Spur im Schnee konnte Copen einen sicheren Weg befahren. Als sie am Schneemuster ihres zweiten Sturzes vorbeijagten, lachten sie unwillkürlich wieder auf, denn in der unberührten Landschaft wirkte diese Wälzstelle wie ein chronischer Witz. Dieses Mal war es der leichte Wind, der sie neckte. Mehrfach wirbelte er Lawinen von den Tannenzweigen und staubte sie zu. Selbst Bub klatschen sie aufs Kreuz. Kreischend füllte der Schnee die Kragenritzen der Reisenden und rieselte bis auf die Haut. Übermütigem Herzens kehrten sie endlich heim.

Copen verstaute das Pony, fütterte auch die Junghengste und ließ Isolde derweil den Bub trocken rubbeln. Er widmete sich dann sofort dem Zündkerzenwechsel, was die Ulkbande mit wachem Interesse verfolgte. Das Futter schmeckte trotz Schaulust, die Futterkrippen lagen blickgünstig. Die Junghengste zogen ab und zu kontrollierend den Schädel aus dem Futter und äugten muffelnd auf das türkise Monster. Die Batterie baute er noch nicht ein, sie brauchte noch zwei Stunden.

»Ich ahnte nicht, dass Sie sich auch mit Autos auskennen, Herr Copen. Hatten Sie einmal eins?« fragte sie, als Copen mit seiner Arbeit fertig war, ihr zuschaute.

»Ja, vor vielen Jahren.«

Seine Antwort besaß schon wieder das bedrohlich Knappe und Ernste.

»Dass man mit Ponys solchen Spaß haben kann, hätte ich mir nicht träumen lassen. So zu lachen hat mir schon lange gefehlt. Dafür habe ich tatsächlich nie Grund. Die Klinik, die Kinder und das Reiten machen mehr Ärger als Freude. Ich weiß nicht, Sie lachen sicherlich auch selten, aber manchmal könnte ich Sie um Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit, halt um Ihre Harmonie beneiden.« schwärmte sie und betrachtete ihre Arbeit als erledigt.

»Was denken Sie, ich lache oft. Die Ponys können wahre Clowns sein.« -

»Ach, was!« -

»Ja,« grinste er glucksend in sich hinein, »einmal hat Bub meine Mutter auf dem Hof ausgezogen ...« und ging vollends in ein Gelächter über: »Da lief sie doch in einer Küchenschürze herum, keine Ahnung, wo sie das Ding herhatte. Ich arbeitete in der Werkstatt, sah das und fand es schrecklich und Bub teilte einfach meinen Geschmack. Ich fand, er tat das einzig richtige,« lachte er hallend auf, »um sie von diesem Bekleidungstick für immer zu kurieren.«

Mit hochgezogenen Brauen bremste er seinen Lachanfall aus, um dann weiter zu erzählen:

»Er zog die Rückenschleife auf und solange weiter, bis das Nackenband kaputt war. Mit seiner Beute jagte er über den Hof und zertrampelte das gute Stück in einer rührenden Wut.«

Isolde lachte herzhaft mit.

»Meine Mutter schrie, denn Bub hatte auch ihren Rockgummi erwischt und der Rock fiel ihr um die Füße. Sie stieg darüber, hob ihn auf und kam zu mir hinein, einfach drollig, so mit dem Rock in der Hand in Unterwäsche. Wau, wie sie schimpfte, weil ich mich vor Lachen biegen musste.« gurgelte er und ahmte die wütende Stimme der Mutter nach: »Ferdinand Emanuel, tu doch etwas, brüllte sie, um schließlich selber loszulachen. Wir kamen eine ganze Weile nicht zur Ruhe, bis Bub in die Werkstatt guckte, da war sie wieder sauer.«

Sie verließen die Scheune. © 31.12.1991/PM