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Bernadette Maria Kaufmann

Gigabuch Winkelsstein Band 12

Druckskript

Petra Mettke/Gigabuch Winkelsstein 12/Ein Todesfall und etliche Hochzeiten/Druckskriptcollage 2014

 

 

Petra Mettke

 

Ein Todesfall und etliche Hochzeiten

 

™Gigabuch Winkelsstein 12

Kurzgeschichten

2014

39 Seiten (bislang digitalisiert)

Winkelsstein Saga 12

Poeta – Werk des Teufels

 

4. Poeta vita – Fluch der  Fruchtbarkeit

 

 

Band 12

Ein Todesfall und etliche Hochzeiten

 

Band 12

Kapitel 154

Von der Grausamkeit, sein Gefühl nicht zu verstehen

 

Kapitel 155

Die leibhaftige Unwahrscheinlichkeit

 

Kapitel 156

Du bist, wie du tickst

 

Kapitel 157

Das ist Woss trads Zeittango

 

Kapitel 158

Das Glück musste einmal heraus

 

Kapitel 159

Intrigenpoker

 

Druckskriptordner

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Ein Todesfall und etliche Hochzeiten
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Leseprobe aus dem Gigabuch Winkelsstein Band 12

Kapitel 155

 

Die leibhaftige Unwahrscheinlichkeit

 

Die Abendsonne stand schon tief und würde bald hinter dem Wald jenseits des Sees versinken. Azo saß im kleinen Salon im Schloss und freute sich, nicht mehr in der Burg wohnen zu müssen. Obwohl sein Zusammenbruch und der Lebensfilm erst eine Woche her war, fühlte er sich gesund genug, um seinen Alltagsgeschäften wieder nachzugehen.

Heute war Dienstag, der 10. August 2027 und Azo hatte Nora geladen, um ihr Unterweisungen zu geben. Seit ihr Großvater seinen Hochzeittermin öffentlich bekannt gegeben hatte, intensivierte Azo die Weiterbildung noch. Nora blickte sehnsüchtig ins Abendrot und wäre lieber mit Ariel auf Exkursion im Wald unterwegs. Die »Prinzessinnenseminare« wie Stuart es scherzhaft nannte, fanden ausschließlich in ihrer Freizeit statt, wovon sie viel zu wenig hatte. Nicht nur sie hätte gern ihre Freizeit mit Ariel verbracht, so hatte er vor teilzunehmen. Doch Azo schickte Ariel gnadenlos fort. Er würde Nora ablenken, gab er ihm mit auf den Weg. Es knisterte, wenn beide im selben Raum sich befanden und irgendwie schienen sie es nicht zu bemerken, wie peinlich das werden konnte. Azo kannte auch den Effekt: Emotionen blockieren nun mal den Verstand und was Azo vor hatte, war Verstandesarbeit.

„Unsere heutige Lektion betrifft die Zusatzklausel für die Thronfolge.“ kündigte er an.

Nora zückte ihr Schreibzeug und stellte ihr Handy vor sich auf den Couchtisch. Sie schrieb per Hand mit, um die Themen mit Ariel oder seiner Mutter weiter auszudiskutieren. Denn so hatte sie einen prima Gesprächsstoff im Berg, kam besonders gut bei allen an, weil ihr Interesse am Adel allen gefiel. Sie festigte die Freundschaften und integrierte sich damit ehrlich, gründlich und gerne. Sie kam mit jedem zusammen, erfuhr seine Legende und wurzelte an.

„Das Erbrecht erfuhr 2018 eine Korrektur. Der Kern blieb im Wesentlichen so erhalten und wurde lediglich durch eine Zusatzklausel verändert.“

Während Nora Notizen in ihr Büchlein machte, sah Azo sie an und fragte über das Erbrecht:

„Wie lautet die Kernaussage?“ -

„Der erste männliche Nachkomme bekommt alles und seine Geschwister werden abgefunden.“ -

„Sehr gut. Die Klausel, die wir heute besprechen, bezieht sich nur auf die Monarchie und wurde von der Mehrheit aller Königshäuser in der Welt akzeptiert.“

Azo schickte nun Nora eine Datei von seinem Kommunikator auf ihr Handy und eine Hologrammliste entstand. Sie listete alle Monarchien der Welt mit dem Status auf, ob sie regierende Häuser oder konstitutionelle oder parlamentarische Monarchien waren. Nora überflog die Liste und sagte:

„Leander: bitte speichern.“

Da fiel das Hologramm zusammen. Nora notierte die Liste 1, um sie später eingehender durchzusehen.

„Aufgrund royaler Skandale weltweit fragten sich viele Völker mit Königshäusern nach der Bewusstseinkrise, ob es noch zeitgemäß wäre, sich weiterhin teure Königshäuser zu leisten.“

Azo versendete nun mehrere Dateien. Die erste Liste als Hologramm führte die abgeschafften Monarchien seit 1918 auf und Nora überflog sie. Sie forderte ihren Handygeist zum Speichern auf und schon entstand die nächste Liste, ohne dass das Hologramm zerfiel. Es handelte sich um Königshäuser, deren Existenz als kritisch bewertet wurde. Nicht zu übersehen, stand Landien, ganz oben auf der Tabelle, die auch Ursachen anzeigte. Verschwendungssucht. Sie kam kaum die lange Liste hinab, als eine kurze Dritte sich aufbaute und Leander als Button meldete:

„Habe gespeichert.“

Diese letzte Liste zählte die stabilen Monarchien auf und hier befand sich Dunland im oberen Feld. Das ließ Nora auflächeln, denn sie dachte sofort an Prinzessin Mathilde, die sie vermisste. Sie war immer so freundlich zu ihr gewesen und hatte ihr stets Mut gemacht.

„Noch Fragen?“ riss Azo Nora aus ihren Gedanken.

„Äh ...  ja. Wieso steht England auf zwei Listen?“ -

„Der Vater des jetzigen Königs führte als Thronfolger lange Zeit die Liste der existenzgefährdeten Monarchien an, weshalb man ihn krönte, damit er abdankte. Mit der Inthronisation seines Sohnes landete die Monarchie sofort auf der Liste der stabilen Monarchien. Solange jedoch Vater und Sohn leben, bleiben beide Dotierungen, denn ein ungünstiger Fall; sollte der König samt Thronerben sterben, käme zuerst wieder der Vater an die Macht, da er in der Rangfolge blieb. Das war der Deal.“ -

„Das klingt kompliziert.“ -

„So ist es auch. Ich fahre fort: die Parlamente der konstitutionellen und parlamentarischen Monarchien hielten mit dem Hauptargument dagegen, als der Abschaffungswunsch alle erfasste, die Teilung in ein Identifikationsoberhaupt und in das demokratische Parlament führe zu einer zufriedeneren Bevölkerung als in Republiken mit Präsidialamt. Da es sich nicht von der Hand weisen lässt, begann die Diskussion mit dem Ziel eines Kompromisses.“

Azo versendete nun die Liste der Gründe, die zur Kritik an den Königshäusern geführt hatten. Nora las: Amtsmissbrauch, Überschuldung, Mord, Betrug, Bestechung, Verschwendung …

„Sind das Urteile?“ fragte Nora.

„Nein. In vielen Fällen verhinderte die Immunität eine juristische Klärung.“ -

„Aber …“ krächzte Nora schockiert, „bei Landien steht Mord!“ -

„Ja. Nach neuesten Erkenntnissen soll auch Unglück im Spiel gewesen sein, als es passierte, es ist nur ein Vorwurf ohne Beweis.“ -

„Nein! ... Ich möchte nicht mit mutmaßlichen Mördern verwandt werden, wenn …“ brach ihre Stimme.

„Prinzessin werden ist kein Hauptgewinn.“ tröstete Azo, denn Noras Fassungslosigkeit tat ihm leid: „Da ist nichts, was ich dagegen tun könnte, Nora.“

Sie empfand es als angenehm, sein Mitgefühl zu spüren.

„Ich verstehe.“ sagte sie kurz und ergänzte, als ihr Blick auf die Liste fiel: „Ein Vorfall eben.“

Azo zog die Augenbrauen hoch:

„Sie sind eine tapfere Frau! Das gefällt mir, denn es besagt, Ihre Liebe zu Ariel ist bedingungslos und so etwas hat Bestand.“

Nora errötete:

„Danke, Durchlaucht.“ -

„Gut. Machen wir weiter. Die Debatte um die Fortbestandsfrage von Monarchien wurde global geführt und dauerte ein Jahr, dann war die Klausel in trockenen Tüchern.“

Azo versendete die nächste Datei. Leander zeigte den Button an, er speichere und das Hologramm wechselte die Tabelle. Nora überflog die Liste der Ratifizierungen. Dreiviertel der Listung gehörte zu den Staaten mit einer Monarchie, die die Klausel zum Gesetz gemacht hatten und ein Viertel lehnte ab. Das waren vor allem afrikanische, arabische und asiatische Monarchien, die meisten davon regierende Königshäuser.

Auf einen Blick würfelte es die derzeitigen Krisenregionen zusammen und Nora drängte sich die Frage auf, ob das an der Regierungsform liegen könnte? Ehe sie ihre Gedanken vertiefen konnte, ging es weiter.

„Zum Erstgeborenenrecht kommt in einer Anzahl von Ländern schon eine Klausel hinzu, die das Recht auf männliche Erben zu begrenzen abschaffte. Diese bleibt von der neuen Klausel unberührt, wodurch es den Ländern nach wie vor frei steht, ob sie nur männliche Dynastien dulden oder beiderseits Geschlecht.“

Nora sah Azo plötzlich fragend an, worauf er unterbrach.

„Ist das Erstgeborenenrecht in Ihrem Hausrecht noch männlich oder schon geschlechtslos?“ -

„Sie denken gut mit, Nora. Unser Hausrecht ist noch männlich, wie Sie sagen, da bis heute immer männliche Erben zur Verfügung standen.“ -

„Und wenn das mal nicht mehr so ist?“ -

„Dann besteht die Notwendigkeit zur Änderung. Die Hausgesetze sind für uns Tradition und werden nie nach Gutdünken, Moden oder aus Anpassungsgründen geändert. Wir haben mit Vincent Simonius den Stammhalter für die übernächste Generation, wodurch keine Änderung ansteht, sollte er nicht plötzlich versterben und kein Brüderchen da sein. Falls man dann eine Änderung noch wollte, könnte man sie veranlassen, ansonsten folgen Claudius’ Nachkommen dem Stammhalterrecht.“ -

„Oh, je. Der Arme.“ -

„Ja, er müsste seine Künstlerlaufbahn beenden, in die Fußstapfen von Jonas treten, der auf einmal nicht mehr tun könnte, was er wollte.“ -

„Würden Sie das wollen?“ -

„Nach mir würde es nicht gehen.“ -

„Aber was fänden Sie besser?“ -

„Das beiderseitige Geschlechterrecht.“ -

„Warum? Wenn es doch bei Ihnen nicht so ist?“ -

„Ich habe in meinem Leben noch nie machen dürfen, was ich wollte. Mich verwirklichen trieb man mir von Kindesbeinen an aus und bläute mir stattdessen ein, dass ich schon als kleiner Junge die Verantwortung für die Familie zu tragen hätte. Seit ich meinen Lebensfilm gesehen habe, weiß ich, die Wünsche sich selbst zu entfalten, sterben nie, nur die Gelegenheit dazu. Ich weiß noch, wie gern ich in die Politik und Diplomatie gegangen wäre und hier bleiben musste für immer. Meine Schwester hätte das viel besser gemacht, doch sie kriegte das Fürstentum nicht.“ -

„Und trotzdem haben Sie es nicht geändert?“ -

„Nein. Mein Sohn war damit einverstanden und sein Sohn auch.“ -

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie je darauf verzichten wollten.“ -

„Nein, bin perfekt diszipliniert worden. Ich habe alle Ziele des Geschlechts erreicht und kann mit allem sehr zufrieden sein. Ich werde sterben mit der Bilanz, dass alles erledigt wurde bis auf den Punkt, weswegen ich auf die Welt kam. Meine persönlichen Belange gingen unter. Aber genau das ist unser Standesdenken, Nora, welches Sie sich zu Eigen machen müssen, steigen Sie in unser Boot. Im Grunde entscheiden Sie sich nicht nur für Ihre Liebe zu Ariel, sondern gleichzeitig gegen sich selbst. Sie müssen die Nora Becker, die Sie waren, gänzlich ablegen, also nicht nur wie eine Schlange die Haut abstreift, denn die bleibt im Innersten, was sie ist, sondern komplett ein neues Leben beginnen, wie eine Wiedergeburt die das nächste entstehen lässt.“

Nora nickte beflissen. Das Problem kannte sie. Sie seufzte auf und da kam es ihr eher unfreiwillig über die Lippen:

„Meine Cousinen sorgen dafür, dass ich mich von innen her von ihnen ablöse.“ -

„Ich habe längst ein Auge auf sie geworfen und werde mich noch um sie kümmern. Ich möchte dieses Thema ein anderes Mal gründlich mit Ihnen durchsprechen. Kommen wir auf die Zusatzklausel zurück.“

Nora nickte und verbarg, wie unsicher sie über diese Ankündigung war. In ihren Kopf schwirrten die Kategorien herum, die sie kannte und so meinte sie, ihre unbedachte Äußerung könnte der Fürst wie eine Anzeige verstanden haben. Sie wollte aber keine Mitarbeiter beim Chef verpetzen. Doch er ließ ihr keine Zeit, weiter darüber zu spekulieren.

„Im Gegensatz zur Geschlechterklausel, die jedes Land selbst festlegt, legte man die Zusatzklausel nicht fakultativ, sondern obligatorisch an. Wer mit auf die Rankingliste wollte, hatte die Pflicht, die Klausel zu ratifizieren.“

Nora hatte große Mühe, den Faden zu behalten, Azo nahm darauf Rücksicht und ergänzte unkompliziert:

„Was früher die Verwandtschaftsverhältnisse der Königsdynastien untereinander ausmachte, wurde mit der bürgerlichen Blutauffrischung unterbrochen. Die Folgen spitzten sich in medialer Konkurrenz zu.“ -

„Konkurrenz? Sie meinen, die stachen sich aus?“ -

„Ja, ganz unroyal.“ -

„Ich habe gehört, es gab eine Kriminalisierung?“ -

„Hm. Das ist eine Medienbetrachtungsweise. Sie bekrittelten die Monarchien vor 1918 auch als brutal. Vielmehr ist es doch so, alle regierenden Könige fällten mehr oder weniger Entscheidungen gegen Menschen, ob als Todesurteil oder Krieg. Die grausamen Könige setzten bei den Untertanen den Lernprozess in Gang, sich nicht mehr von einer Einzelperson regieren lassen zu wollen. Keine Monarchie war je ein Streichelzoo aus behüteten Untertanen.“

Nora wusste nicht, worauf der Fürst hinaus wollte und blickte ihn ratlos an.

„Meiner Meinung nach war Ehefrauen köpfen Mord, auch wenn man vorher das Gesetz erließ, es tun zu dürfen. Oder man enteignete, was man sich aneignen wollte, falls man nicht gleich einen Krieg anzettelte. Das ist die royale Form. Geblieben sind einige, die immer noch glauben, sie wären der Gott ihres Landes und sind doch nur Bürger ihrer Staaten. Das ist falsch verstandene Tradition. Die anderen vermischten sich mit dem Bürgertum und eigneten sich deren kriminelles Verhalten an. Daher kommt die Bezeichnung Kriminalisierung, sie verkennt die Geschichte. Denn Finanzmanipulationen, Korruption, Raub, Entführung, Bestechung oder Vorteilsnahme, egal, es ist nur der Durchbruch des Kleinbürgertums im Königshaushalt. Auf keinem Fall royale Art.“

Nora ging ein Licht auf:

„Die Kriminalität blieb konstant, nur ihre Art änderte sich?“ -

„Richtig.“ -

„Aha. Betrug und Unterschlagung sind kleinbürgerlich …“ dachte sie laut nach.

„Ja. Die standesgemischte Königsgeneration hegte ein Faible dafür und ließ die Bezifferung der Monarchien zu, als solle sie deren Tradition werden.“ -

„Was?“ runzelte Nora überfordert die Stirn.

„Wer hat die älteste Dynastie? 10 Punkte. Wer hat das größte Vermögen? 8 Punkte. Wer schafft die meisten Skandale? 100 Punkte. So sieht die Rankingliste noch immer aus. Dank dieser Verbürgerlichung besitzt eine Königsfamilie nur noch einen Unterhaltungswert für ein weltweites Publikum. Gab es zuvor einen Rang, der durch den Titel ausgedrückt wurde und eine Ebene der Monarchie schuf, rutschten alle Königshäuser in eine mediale Sympathie- und Antipathielistung ab und machte die Herrschaften zu Hofnarren.“ grollte Azo leicht.

„Hofnarren?“ -

„Ja, es trifft selbst die noch regierenden Häuser. Prinzessin der Herzen, Prinz Bleifuß, Prinz Segelohr, König der Großwildjäger, Königin des Schuhdepots, Prinz Peinlich und so weiter. Sie haben eines gemeinsam, sie eröffneten den Medien den Zugang zu königlichen Profitmachen. Nicht die unbedeutenden Hofleute, nein, die Herrschaften zogen es vor, sich zum Narren zu machen.“ -

„Ach so.“ signalisierte Nora, sie habe den Zusammenhang verstanden.

Nora stammte aus den Norden, wo Bürger bereits seit Jahrhunderten regierten. Sie musste sich mit der Existenz der Aristokratie auseinandersetzen, als sie nach Winkelsstein kam. Das bedeutete nicht, dass sie auch nur das Notwendigste über die Königshäuser wusste, denn in der Schule war das nur ferne Geschichte und Klatsch kannte sie nicht. Während sie in Halufort am Hof die Hierarchie der Adligen gepaukt hatte, fand ihre erste Berührung mit existierenden Königshäusern statt, als sie Ariels Abkunft zur Kenntnis nehmen musste. Sie brauchte die Unterweisungen dringend, um das unvollständige Bild ihrer bürgerlichen Realität zu vervollständigen. Azo versuchte, es so griffig wie möglich zu machen, nicht das Ziel bedeutete Erfolg, sondern dass sie diese Welt verstand, die das Bürgertum ignorierte.

„Es waren dann auch die Medien, die einen fingierten Vergleich ausstellten, der Furore machte.“ fuhr Azo fort: „Man stellte Könige vor 1918 und Könige nach 1918 gegenüber mit der Frage, wie sieht ihre Existenzbilanz aus. Was erstaunlich war, die regierenden Könige bekamen ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen die Fortschritte in der Zivilisation aufgerechnet und siehe da, überraschenderweise hatten viele eine positive Bilanz, während die nach 1918 alle negative Bilanzen aufwiesen. Was einzelne Könige oder Königinnen durch ihre tadellose Haltung während des zweiten Weltkrieges herausholten, und das war ja kein Zivilisationsfortschritt, so killte das verständnislose Verhalten ihrer Nachfolger alle Bonuspunkte. Klar wurde, die Monarchien nach 1918 hatten keine neue Rolle gefunden, sich auch nicht darum bemüht. Im Umkehrschluss hieß das Fazit, um etwas Nachhaltiges zu schaffen, benötigt man Macht. Dem gingen die Macher dieser Studie aus dem Weg, in dem sie der Negativliste eine Auflistung von Fortschrittsmachern gegenüberstellte, die das ohne Macht erledigt hatten. Menschen aus der Musikbranche, der Filmindustrie oder den Softwareschmieden hatten die Rolle übernommen, die Gesellschaft zu leiten, mit Einsatz eigenen Vermögens und dem simpelsten Trick: Vorbildsein. Sie sind die Helden der Gesellschaftsentwicklung geworden und hatten zwischenzeitlich die Königshäuser ganz abgehängt.“ -

„Ach.“ staunte Nora, denn ihr leuchtete ein Wert der Monarchie für ein Land nicht ein, so sehr war der Respekt davor verschwunden.

„Die Monarchien hätten Vorbilder bleiben müssen, allerdings nicht auf dem Niveau ihrer Tradition.“

Azo sah Nora an, wie sie überlegte, dann fragte sie:

„Gibt es heute eine vorbildhafte Monarchie?“ -

„Diese Frage werden Sie gleich selbst beantworten, denn jetzt komme ich zum Kern. Die Zusatzklausel zum Thronfolgerrecht besagt, es kann nur der geborene Anwärter sein Recht in Anspruch nehmen, der der Übereinkunft des Vorbildcharakters entspricht. Ein Anwärter ist kein Rechtsinhaber mehr. Bis zur Inthronisierung muss er dem Katalog der Vorbildrolle entsprechen, sonst erlischt sein Vorrecht.“ -

„Daher suchten die Nordländer bei den Winkelssteinern Ersatz?“ -

„Ganz genau. Die Krone hat laut dieser Klausel die Pflicht, einen Ersatzkandidaten vorzuschlagen. Das muss eine Person sein, die möglichst die gleiche royale Erziehung nachweisen kann, bevorzugt aus dem gleichen Geschlecht ist und den Vorbildcharakter aufweist. Dieser Ersatz wird dann fällig, wenn erste Zweifel an den geborenen Thronfolger bestehen. Das Königshaus darf den Ersatzthronfolger selbst wählen und muss ihn einsetzen beziehungsweise ernennen und erheben, wenn die Öffentlichkeit der Meinung ist, sie wollen den Thronfolger nicht mehr. Dafür gibt es Umfragen, die jedes Königshaus seit 2018 über sich ergehen lassen muss. Kronprinz Sigmar wurde 2024 abgewählt, woraufhin die Nordländer 2025 von dem Gesetz Gebrauch machten und unseren Simon beanspruchten.“ -

„Einfach so.“ -

„Einfach so. Daher sind wir so übervorsichtig, was die Landiener angeht. Prinz Ephigon Per hat gerade noch die Kurve gekriegt, denn Königin Alexina drohte einmal, als Ersatzthronfolger Ariel zu ernennen. Die Gefahr haben wir lieber ernst genommen, was Ihnen den blöden Wartestand der heimlichen Verlobung einbrachte. Vielleicht übertrieben wir das, dann nehme ich die Schuld auf mich, aber ich empfinde es als das kleinere Übel. Mit Ihrem Cousinen werde ich fertig, mit einer Ernennung von König Hernandes nicht, die müssen wir als Standesgenossen akzeptieren.“ -

„Ich weiß. Das akzeptiere ich.“ -

„Sie müssen verstehen, wenn Sie Ariels Vita vor dem landienischen Parlament neben der Vita von Kronprinz Ephigon Per betrachten, steht Ariel wie ein Mustermann da. Solange ihn seine Krankheit schützte, waren wir vor dreierlei Zugriff sicher. Doch sollte man sich deswegen das XP zurück wünschen?“ -

„Nein!“ rief Nora schnell dazwischen, die die Lebensweise der Bergbewohner gar nicht mehr kannte, wie sie einmal war.

„Genau. Die Zusatzklausel hat also einen Katalog zur Basis, der vorschreibt, was man von einem Thronfolger erwarten darf, der auf den Thron soll, und was nicht. Es ist das Maß der Dinge und für die Menschen die Möglichkeit, sich ihr Vorbild zu wählen. Die Monarchien wurden seitdem stabiler.“

Azo schickte Nora nun den Vorbildcharakterkatalog und das Hologramm wurde größer, um einen besseren Überblick zu gewähren. Nora überflog sie. Keine Drogen. Logisch. Keine Phobien. Seltsam. Keine Vorurteile …

„Haben Sie noch Fragen zum Katalog?“ -

„Nein, den müsste ich mir erst gründlich durchlesen.“ -

„Gut, dann komme ich zum letzten Aspekt der Zusatzklausel, bevor Sie mir erzählen, wie Sie die Monarchien bezüglich ihrer Vorbildlichkeit einschätzen. Das Volksbefragen übernimmt natürlich das Parlament. Dafür hat es ein Ressort eingerichtet, weil es die Stimmung für und gegen die Monarchien für den politischen Alltag nutzt. Niemand ist gezwungen, bei der Anfrage mit abzustimmen, aber es hat sich gezeigt, das Interesse an der Zufriedenheitsmessung der Monarchie wird immer beliebter. Im Durchschnitt nehmen 60% der Bevölkerung teil, was die Stimme des Volkes ausreichend repräsentiert. Die Zusatzklausel wurde also von den Menschen angenommen. Die letztendliche Entscheidung, ab wann ein Kronprinz untragbar ist und welcher der Thronanwärter den Zuschlag also die Krone, bekommt, obliegt dem Parlament.“ -

„Oh, dann müsste das landienische Parlament die Zustimmung geben, Ariel abzukommandieren?“ -

„Richtig, Nora, doch stellen Sie sich das nicht als Hürde für König Hernandes oder noch schlimmer für Königin Alexina vor, denn beide verfügen über Fähigkeiten, sind im Orden und wissen sich zu helfen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ -

„Manipulationen.“ -

„Nachhelfen würde ich es ausdrücken. Sie können sich erst sicher sein, wenn das landienische Parlament seine Entscheidung gefällt hat, dass Ephigon Per Thronfolger bleibt. Mit diesem Beschluss ist Ariel aber noch nicht ganz aus der Zwickmühle. Sollte Prinz Ephigon Per noch vor seiner Inthronisierung nachlassen, würde wieder ein Ersatzkandidat berufen, der erneut Ariel sein könnte. Erst wenn Ephigon Per den Thron bestiegen hat, ist Ariel heraus aus der Nummer.“ -

„Aha.“ schluckte Nora enttäuscht.

„Aber das bedeutet für Landien, versagt Ephigon Per als König, bevor seine Nachkommen gekrönt werden können, wird die Monarchie abgeschafft.“ -

„Das ist knallhart. Bedeutet das, es dauert noch ewig, bis er auf den Thron kommt?“ -

„Schwer zu sagen. König Hernandes ist ein Jahr älter als ich. Okay, er erfreut sich bester Gesundheit, doch damit kann es im Alter schnell vorbei sein. Auf alle Fälle findet irgendwann die Hochzeit des Kronprinzen statt und im Herbst nächsten Jahres wird der König 90 Jahre. Es ist schwer vorstellbar, dass er vorher abtritt und unsicher, ob danach.“ -

„Also wird es garantiert 2 Jahre nichts.“ -

„Seien Sie unbesorgt, Sie werden Ariel heiraten dürfen, sobald wir das hinkriegen, das ist wichtiger als wann!“ -

„Ich möchte nicht ungeduldig erscheinen, Durchlaucht, nur tief in mir sehne ich mich nach Sicherheit für die Zukunftsplanung.“ -

„Die gibt es bei uns nicht, Nora. Ich war mir bei Simon und Simone auch sicher, bis die Nordländer auftauchten. Im Moment scheint es unwahrscheinlich, dass Ariel abgerufen wird, wir müssen mit dem Restrisiko leben. Und die Augen offen halten.“

Nora nickte zerknirscht.

„Zurück zur Zusatzklausel. Haben Sie noch Fragen?“ -

„Nein, dafür brauche ich Bedenkzeit.“ -

„Das ist vernünftig. Kommen wir auf die royalen Vorbilder zurück. Kennen Sie welche?“ -

„Oh! Ich habe mich mit Prinzessin Mathilde öfters über Dunland unterhalten. Viel weiß ich nicht, aber sie standen auf der Liste der stabilen Monarchien. Sie machen einen recht guten Eindruck auf mich.“ -

„Gut beobachtet! König Balduin und Königin Steffanie haben sich den Ruf erworben, streng und gerecht zu sein. Ihre Führungsqualitäten sind perfekt, doch in der Kindererziehung haben sie mit der Strategie versagt. Sie haben Christopher führungsunfähig gemacht und weil ich das wusste, wollte ich Mathi nicht dorthin gehen lassen. Sie selbst hat erst in den letzten Jahren gelernt, wie man sich durchsetzt und ob das für Dunlands Führungsrolle ausreicht kann ich nur hoffen.“ -

„Das klingt erschreckend, Durchlaucht.“ -

„Entschuldigung, aber eine Monarchie ist nie richtig sicher, selbst wenn sie gerade stabil erscheint. Ein Königshaus über alle Zeiten zu erhalten, ist ein Tanz auf dem Vulkan.“ -

„Eine übermächtige Aufgabe für Prinzessin Mathilde, nicht wahr.“ -

„Ja, Nora. Da Mathilde eine Kronprinzessin wird, wird sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einmal Königin. Und das ist kein Traumjob! Im Grunde erwartet man von ihr, wie ein Roboter zu funktionieren, gleichmäßig und liebevoll bis in alle Ewigkeit zu sein, egal welche Höhen und Tiefen sie als Mensch durchläuft. In den allermeisten Fällen bügelt sie die Fehler von Mann und Kindern auch noch aus, denn auf ihren Schultern wird das Wohl und Weh ihres neuen Königshauses lasten. Und sie weiß, strauchelt sie, fällt die Monarchie, das gesamte Erbe aller Vorfahren geht kaputt.“ -

„Oh, Gott, mit ihr möchte ich nicht tauschen!“ wühlte es Nora auf: „Und ich dachte, nur ich habe es so schwer.“