40 Jahre Schreiben

Erschaffen Erinnerungen.

Ein Bild ist wie ein Song.

Bildlyrik erzählt wie Songlyrik Storys.

Das Bild ist ihre Melodie.

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Bernadette Maria Kaufmann

bernadettesbuchwelten

40 Jahre

Nr. 3

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0214

Druckskript von „Ulk“ 2004

 

 

20. Kapitel Nachwort Seite 559-569

 

 

Ponyhengst?

 

 

 

Ponyhengst Ulk hatte etwas. Er war anderes wie die anderen Zwergponys und anders wie alle Großpferde, die wir je kennen gelernt haben. Auch kein anderer Hengst war wie Ulk. Er besaß die stärkste Persönlichkeit unter allen Pferden. Wer glaubte, der 92 cm große Zwerg sei niedlich oder zu übersehen, bekam sein Selbstbewusstsein zu spüren. Danach nahmen ihn alle ernster als jedes Großpferd. Lächerlich, wer vor einem Großpferd Angst hatte! Der kannte Ulk nicht! Und er war schön. Maßlos schön. Als meine Schwester begann sich für seine Herkunft zu interessieren, ahnte ich nicht, dass sie ihm einmal ein literarisches Denkmal setzen würde. Ich hatte eine Ponygeschichte erwartet, aber nicht den züchterischen Rückfall zur Urform als Dekadenzschablone auf die soziale Gesellschaft projiziert, die sie mit Ulk vorlegte.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0212

Druckskript von „Ulk“ 2004

 

 

20. Kapitel Nachwort Seite 559-569

 

 

 

 

 

Den Anstoß?

 

Den Anstoß, aus Ulk eine Novelle zu machen, bekam meine Schwester Petra von mir, nachdem ich zugesehen hatte, wie sie 1986 aus heiterem Himmel die Novelle „Der erquickende Gast“ verfasste und mich hinterher befragte, wie man eine Novelle schreibt. Sie arbeitete viel unbewusster als ich, aber nicht weniger erfolgreich. Ich mischte mich jedoch nie ein. Wenn ich korrigieren sollte, las ich zum ersten Mal, was sie tatsächlich gearbeitet hatte. Unsere Diskussionen über Details hatten mir nicht verraten, was da auf mich zu kam, daher war mein Urteil relativ objektiv.

 

Geschichten sind nicht nur Storys, die man sich ausdenkt. Angesichts des unglaublichen Wusts, der die Geschichte Ulk ausmachte, kam mir die Idee, dass allein das abenteuerliche Schreiben eine eigene Geschichte sei und für ein Nachwort wie geschaffen wäre. Sie kam schon tags darauf mit dem seitenlangen Text an und vergrößerte meinen Korrekturstapel.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0202

Druckskript von „Ulk“ 2004

 

 

13. Kapitel E

 

 

Seite 235-287

 

 

Welten?

 

Welten waren vergangen. Der Diskettenspeicherplatz war nicht mehr mit einem Kapitel erschöpft oder für eine Grafik zu klein. Speichermedien schafften mehr und Ulk passte in eine Datei. Die Datei wurde mit dem Laserdrucker ausgedruckt, fast geräuschlos und viel schneller. Das A 5 Format wurde möglich. Das Papier beidseitig benutzbar. Wir hatten gelernt, Inhalte gemeinsam zu entwickeln und jeder arbeitete dann an seiner Baustelle. Mit Ulk schloss sich für mich die Tür zu meinem Frühwerk, meine literarischen Altlasten waren damit erledigt.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0203

Druckskript von „Ulk“ 2004

 

 

13. Kapitel E

 

 

Seite 235-287

 

 

Schreiben?

 

Schreiben ist ein Papierkorbjob. Wie viele Bäume Ulk bereits gekostet hat, bleibt spekulativ, seine Papierspur endete leider auch nicht mit dem Zeitalter der Datei. Die Korrekturen werden immer wieder Papier verbrauchen und wenn man auch lernen kann, am Bildschirm zu korrigieren, der Ausdruck bietet eine weitere Sicherheit, Fehler zu erwischen.

 

Wir haben jedoch nicht nur auf Papier gesetzt, sondern mit einem Dateiformat experimentiert, das alle Vorteile des Buchdrucks berücksichtigt und einen weiteren Vorteil aufbietet, den bunten Text. Gerade das Klassische an Ulk erwies sich nicht als Hemmnis, um auf unserem Entwicklungsweg mitzumarschieren.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0183

Handschrift von „Ulk“ 1987

 

 

Beendet am 31.12.1987

 

 

 

 

Fertig?

 

 

Fertig sein ist ein kurzweiliges Triumphgefühl mit lang nachwirkender Erschöpfung. Auf die Erschöpfung richtig zu reagieren, heißt, sich selbst den Höhenflug gönnen. Bei „Ulk“ erlebte ich den tiefen Fall zum ersten Mal drastisch, weil das Werk mir eine Ausdauer abverlangt hatte, die auslaugen musste. Ich hätte es mir ganz leicht machen können und der Depression nachgeben können. Ich wählte die Alternative, bevor die Tür zum Ausweg zufiel. Kein Erfolgserlebnis mehr. Keine Beschäftigung mehr. Keine Kopfsteuerung mehr. Ich schaltete bewusst um in Ruhe beobachten, wieder Nichtigkeiten mitzukommunizieren, Dinge tun, die ich gemieden hatte und abzuwarten, bis das Lesen wieder Spaß machte. Dann wollte der Kopf wieder.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0181

Handschrift von „Ulk“ 1987

 

 

Dialoge mühelos ergäünzt

 

 

 

 

Schreibflows?

 

Schreibflows sind Schreibschübe, wo man für das Empfinden der mühevollen Schreibarbeit keine Antenne mehr frei hat und alle Energien ins Aufschreiben investiert. Der Inhalt ergießt sich scheinbar aus den Fingern und man hat das Zeit-Raum-Gefühl verloren. Es ist wie ein Erwachen, wenn diese Schreibtrance nachlässt, man die Mühe bemerkt und aufhören möchte. Plötzlich liegt ein unglaublich langer Text vor, man fühlt ein Zeitloch und das Gefühl tiefer Zufriedenheit. Ich liebe diese Art der Selbstbedienung am Glücks- und Zufriedenheitsstatus.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0179

Handschrift von „Ulk“ 1987

 

 

Stark beanspruchtes Manuskript

 

 

 

 

Rechtfertigungen?

 

Rechtfertigungen sind Alarmsignale. Wenn man kreativ denkt, verlässt man den Strom der Durchschnittsmenschen, um einen selbstbestimmten Denkraum zu finden. Ich hatte mich bereits für die Zeit zum Schreiben rechtfertigen müssen, für den Inhalt, für die geistigen Erfolgserlebnisse, für die Ideen, für die Umsetzung meiner Ideen, für die Lust am Schreiben, für die Nachdenklichkeit und ich werde nie fertig, wenn ich hier Vollständigkeit walten lasse. Wem war ich denn überhaupt eine Erklärung schuldig? Darauf fand ich keine Antwort! Meine Toleranz mit der Meinung anderer erlitt einen Totalschaden. Ich akzeptierte mich einfach mit dem Schreibspleen und redete darüber nicht mehr. Das war der Trick! Was ich war, war ab sofort meine Privatangelegenheit und konnte somit nicht mehr platt gemacht werden! Das befreite mich. Die Schreibwut meiner Seele hielt nun nichts mehr auf.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0177

Handschrift von „Ulk“ 1987

 

 

2. Fassung mit Rahmenhandlung

 

 

 

 

 

 

Im Kopf?

 

Im Kopf im anderswo sein, ist die Realität des Schreibens. Was man da tut, kann unter Umständen zu den Dingen gehören, die Pioniergeist heißen. Sich einen Weg bahnen, wo keiner ist, hat etwas Magisches. Mühe, die nicht stoppt. Leistung, die sich verbrauchen lassen will. Isolation, die Früchte trägt. Abneigung gegen Partys, Shopping, Pausen und Fressnapfverhalten. Entrückt. Oder irre, wie andere denken.

 

Im Schreibuniversum ist man der Macher der Wirklichkeit und vom Gefühl der Dominanz und Kompetenz getragen. Mit der Rückkehr in die profane Welt der Realität steigt man aus dem Sattel des Teils des Selbstbewusstseins, der über die fiktive Welt zu herrschen versteht und stellt den Pegasus wieder in den Stall. Abgestiegen in eine Wirklichkeit, die nur sich selbst kennt und an sich glauben muss. Diese Übung habe ich erlernt.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0162

Hardcoverstandardband von 1981

 

 

200 Blatt Schreibvolumen

 

 

 

 

Geschichten?

 

Geschichten im Kopf sind Ereignisse im Denkbetrieb. Sie sind wie aus dem Nichts da. Etwas Platzraubendes, was da nicht hingehört und trotzdem dort ist. Sie sind wie ein Erinnerungsfilm, der aus der Erfahrung datenverarbeitet wird. Nur, dass ich das weder erlebt habe, noch die Bilder schon einmal sah, nie an den Orten war und nie die Personen kennen lernte, aber ihre Geschichte weiß. Das passierte mir 1981 zum ersten Mal. Auch der Modus blieb lebenslang gleich, der Stoff entpackte nach und nach seine Datensätze. Umfang pro Erinnerung ist eine Trainingsfrage, auch der Schwierigkeitsgrad, das Tempo und die Ausdauer. Diese gedanklichen Fremdkörper begeistern, mobilisieren, fangen das Interesse ein und ziehen alle Kräfte zusammen, sich dem Stoff im Kopf zu widmen. Diese Verführung ist die einzige, die ich nie bereuen musste.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0160

Hardcoverstandardband von 1981

 

 

18 gliedriger Einfall

 

 

 

 

Der Grundeinfall?

 

Der Grundeinfall beruhte auf einem Spruch. „Wo bist du lieber Gott“ heißt er und deutete mir an, es würde eher eine unfröhliche Geschichte werden. Es sind 18 Buchstaben. Sie stehen für 18 Kapitel. Mit der Buchstabenreihenfolge sollten alle Kapitel benannt werden und die Botschaft beim Lesen verschlüsseln, wohin der Stoff tendiert. Ich fand die komplizierte Bauform unglaublich reizvoll, hatte aber keinen Plan oder Vorbild, wie man das umsetzen könnte. Mich erschlug diese Idee, aber sie entmutigte mich nicht.

© Petra Mettke