40 Jahre Schreiben

Erschaffen Erinnerungen.

Ein Bild ist wie ein Song.

Bildlyrik erzählt wie Songlyrik Storys.

Das Bild ist ihre Melodie.

Unser Liebblingsblog

 

Bloggerin

Bernadette Maria Kaufmann

bernadettesbuchwelten

40 Jahre

Nr. 8

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0473

Gedrucktes Exemplar 1989

 

 

Seite 60-61

 

 

 

 

Nachbetrachtung?

 

Die Nachbetrachtung der Weltkriege erzeugte kein Gefühl, vor einem 3. Weltkrieg sicher zu sein. Die wissenschaftliche Aufarbeitung konnte es den Nachgeborenen nicht begreifbar machen, was Krieg bedeutet. Zeitzeugenberichte konnten zwar das Grauen nachempfindbar machen, riefen aber kein wirkliches Verstehen hervor. Was fehlt ist ein neuer Ansatz für die Aufarbeitung aus zwei Gründen. Die historischen Fakten sind zwar objektiv, aber nicht lebendig und die subjektiven Zeitzeugenaussagen sind nicht allumfassend genug. Der Blick meines Großvaters zielte auf das Ganze ab. In seiner Haltung wird deutlich, der Krieg war ein entmenschlichtes Räderwerk. Er kombinierte mit seinem kompletten Dienstprotokoll und seinen emotionalen Episoden ein vollständiges Bild von dem, was es heißt, ein kleines Rädchen im unsäglichen Krieg sein zu müssen.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0470

Gedrucktes Exemplar 1989

 

 

Die „Hundemarke“

 

 

 

 

 

 

 

Hundemarke?

 

Die Hundemarke ist Träger einer Nummer. Sie ist der amtliche Registrierungs-, Steuer-, Identifikations- und Besitznachweis an einem Haustier, also ein Strukturierungselement des Staates. Jeder Mensch und jeder Hund bekommt einen Namen, wenn er geboren wird, registriert erhält der Mensch einen Ausweis, der Hund eine Marke. Im Krieg ist der Mensch Soldat, eine Nummer, es musste jeder Soldat eine Identifikationsmarke um den Hals tragen und der schwarze Humor der Soldaten nannte sie nur Hundemarke.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0465

Druckformatvorlage von 1989

 

 

CIP und Vorwort des Autors

 

 

 

 

 

Anliegen?

 

Das Anliegen meines Großvaters fokussierte sich nicht auf das Grauen, sondern auf den Krieg selbst. Er betonte, froh zu sein, in „nur“ zwei Weltkriege gezwungen worden zu sein. Mein Großvater wollte des Funktionieren müssen im Krieg offenlegen, denn wer das nicht schaffte, wurde erschossen. In den ersten Weltkrieg zog man ihn unvorbereitet, das änderte sich im Zweiten. Ich bewunderte, was mein Großvater auf sich genommen hatte, um sein Sanitätertagebuch zu schreiben. Die wenige Zeit, die er Heimaturlaub hatte, investierte er in die Zukunft und dokumentierte die ganze Wahrheit über den Wert eines Menschenlebens im Falle eines Krieges.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0454

Kriegstagebuchmanuskript von 1988

 

 

Wurde im Amt sogar gelesen.

 

 

 

 

 

 

Künstlername?

 

Ein Künstlername war für mich nie ein Pseudonym, also eine erfundene Namensgebung, sondern ein veränderter Name. Der Empfehlung nach, sollte mein Name der akademischen Arbeit verbunden bleiben, um einen wissenschaftlichen Ruf aufbauen zu können. Zum anderen existierte eine berühmte Schauspielerin mit demselben Namen und eine Verwechslungsgefahr gilt jedem Autorensein als abträglich. Ich nahm meinen Mädchennamen als Doppelnamen mit in den Künstlernamen auf, um Ähnlichkeit mit meiner Schwester zu erzeugen, denn wir arbeiteten am gleichen Projekt. Diese Entscheidung war so richtig, als hätte ich in die Zukunft sehen können.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0443

Blatt von Typoskript von 1988

 

 

Lazarettzug 718 von 1943

 

 

 

 

 

 

Reiseerlebnisse?

 

Reiseerlebnisse verankern sich fest im Gedächtnis wie alle Erinnerungen nicht alltäglicher Art. Wir sind mit den Erzählungen unseres Großvaters aus dem Krieg groß geworden und ich hatte die kindliche Schablone im Kopf, er habe Reisen unternommen. Mit der Aufarbeitung seines Kriegstagebuchs machten wir uns mit dem tatsächlichen Geschehen bekannt. Eines Tages erzählte ich meinen Großvater, dass mir seine Erinnerungen früher wie Reisen vorkamen. Es verblüffte ihn und er antwortete mir, es seien aber ungewollte Reisen. Damit war der Titel geboren.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0437

Typoskript von 1988

 

 

Entsetzliche Situationen von 1943

 

 

 

 

 

 

Kriegserinnerungen?

 

Kriegserinnerungen sind nicht das Besondere dieses Kriegstagebuches, sondern das Datengerüst. Es gibt viele Zeitzeugenberichte, auch von Sanitätszugbegleitern aus den 2. Weltkrieg, die künftigen Generationen die Wahrheit hinterließen, die sie erleiden mussten. Diese Zeitzeugen machen Geschichte lebendig. Doch sie besteht nur aus emotionalen Episoden. Unser Konzept orientierte sich nicht nur an den gruseligsten Gegebenheiten der Kriegsvergangenheit unseres Großvaters, sondern konnte aufgrund seiner sorgfältigen Dokumentation seinen gesamten Diensteinsatz im 2. Weltkrieg darlegen.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-0422

Kriegstagebuch von 1939-1945

 

 

Paul Krause (1899-1996)

 

 

 

 

Kriegshorror?

 

Der Kriegshorror ist etwas, was niemand erleben möchte. Unser Großvater wurde in beide Weltkriege einberufen. Um den Angehörigen etwas zu hinterlassen, falls der Fall der Fälle einträte, fotografierten sich alle gegenseitig trotz Verbot. Und trotz Strafandrohung dokumentierte er seine Erlebnisse nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit dem Stift. Im Feldurlaub verarbeitete er die Eintragungen der Kalenderblätter, welche er schützend am Herzen durch den ganzen Krieg trug und schrieb sein Kriegstagebuch. Es machte sein Leben authentisch.

© Karin Mettke-Schröder