40 Jahre Schreiben

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Bloggerin

Bernadette Maria Kaufmann

bernadettesbuchwelten

40 Jahre

Nr. 14

Drei Fassungen der Dissertation

 

 

 

1.658 Seiten für Nichts und wieder Nichts

 

 

 

Ein Klüngelrisiko?

 

Ein Klüngelrisiko hat im Prinzip jeder. Im Grunde ging es in den 3 Jahren meines Promotionsverfahrens nie um eine Dissertationsarbeit, egal welche und wie viele ich noch zustande gebracht hätte. Schon die erste Forderung nach einer Dissertationsschrift schulterte den Zweck, mich gefügig zu machen. Womit sonst außer der Drohung des Bestehens kann man Doktoranden gängeln?

 

Ich war todunglücklich über meine treulose Gesundheit, die mich im Stich ließ, als ich sie am dringendsten brauchte. Mich katapultierte dieser Fallstrick an das Ende meiner Karriere, bevor ich sie begann. Lächerlich wirkte da der Umstand, ob mit oder ohne Doktortitel.

 

Dass mich im universitären Drama niemand unterstützte, wunderte mich nicht wirklich, die Tücken der Hierarchie lassen auch Aufrechte wie mein Mentor zu bedauernswerten Majonetten werden. Ich war angetreten, um eine Promotion nach Recht und Ordnung zu absolvieren. Meinem Zusammenbruch sei Dank bin ich kein gutgläubiges Werkzeug universitärer Hackordnung geworden. Ich muss niemanden für nichts danken. Diese Freiheit hätte kein Titel der Welt ersetzen können!

© Karin Mettke-Schröder

Druckskript der 3. Dissertation

von 2000

 

 

Mit neuer Gliederung

 

Das Aus-Manöver?

 

Das Aus-Manöver im Gutachtenringkampf kam. Ich musste mich an die Prüfungsordnung halten, die Zweitgutachterin nicht. Mein Zeitfenster für Gesundheit schloss sich lautlos. Sie nutzte anwaltliche Trümpfe wie Rechtslücken und Verzögerungen für ihre Pläne gegen mich. Das nennt man zwar schlechte Karten, aber die Gerechtigkeit spielt immer mit. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte die Zweitgutachterin auf kluge Strategien anstatt auf dümmliche Schikane gesetzt. Jedes Kind weiß, dass man mit Drohungen niemals ein Opfer hinter dem Ofen hervorholt. Aber Macht macht Intelligenz insuffizient. Ich fühlte mich belogen, betrogen, bedroht und verraten. Ich hockte betäubt hinter dem Ofen. Stur bleiben kostete mir nichts, weder Kraft noch Anwaltskosten, aber es kostete das Gelingen ihrer Pläne.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-1056

1. Dissertationsfassung von 1997

 

 

 

Die Rettung?

 

Die Rettung der alten Dateien dauerte Jahre, weil Dateien von zwei Festplatten konvertiert werden mussten. Die 1. Dissertationsfassung wurde 2003 vollendet und druckfertig. Inzwischen mussten 2 Konvertierungsstufen bewältigt werden, alle Absätze, Formatierungen, Tabellen und Fußnoten gingen dabei kaputt. Das alles neu zu machen, war für mich der Anker während der lebensbedrohlichen Krise meiner Schwester. Ich war mir des Paradoxen bewusst und rettete stellvertretend ihre Arbeiten, wenn ich ihr schon nicht helfen konnte. Ich hielt auf diese Weise stur daran fest, dass es für uns weitergehen wird.

© Petra Mettke

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-1053

Transkriptionsumschläge verwendet

 

 

 

Der Dominoeffekt?

 

Der Dominoeffekt begann mit dem Betriebssystemwechsel und wuchs sich zur Bürokatastrophe aus. Nachdem der alte PC ausgehaucht hatte, stand ich auch ohne Drucker und Scanner da. Nicht wegen Maschinenschadens musste ich Drucker und Scanner entsorgen, sondern weil sie nun nicht mehr kompatibel waren. Bis ich eine Neuanschaffung aller Endgeräte realisiert hätte, konnte die Einreichung der Dissertation aber nicht warten. Da ich keine neuen Umschläge drucken konnte, aber noch genug von den Transkriptionsbänden vorrätig hatte, ließ ich die Arbeit in diese Umschläge binden, um sie abzugeben. Das Paradoxe ist, wenn das ein Fehler war, der offensichtlicher nicht hätte sein können, er wurde nie beanstandet.

© Karin Mettke-Schröder

Kurzfassung auf 64 Seiten

 

 

 

 

Eine Nachfrage?

 

 

Eine Nachfrage nach meiner Transkriptionsarbeit stellte sich ein, sobald ich die Kopien des Nachlasses zu entziffern angefangen hatte. Im Bundesarchiv in Koblenz wurde jeder Forscher darüber informiert, dass ich über der Entzifferung der Texte gerade arbeite. Gegenüber dem Bundesarchiv erklärte ich mich bereit, Forschern meine Transkriptionen für ihre Arbeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Damit begann mein Forschungsnetzwerk. Ich übergab dem Archivar je ein Belegexemplar der Transkriptionsbände und eine Videokassette mit dem Feature. Ich hatte das gute Gefühl ehrlicher Anerkennung, was sich nie änderte. Ich konnte gar nicht vergebens gearbeitet haben.

© Karin Mettke-Schröder

Dissertationslayout

 

 

 

 

Computerkomfort?

 

 

Einen Computerkomfort hat es praktisch nie gegeben. Außer für Zocker. Jedes Jahr eine verbesserte Version der Software. Jedes zweite Jahr eine Neuanschaffung der Hardware. Theoretisch hätte ich eine Arbeit erst schreiben sollen, wenn ich gleichzeitig neuste Technik in Betrieb nahm. Das Limit, wie schnell die Software veraltete, wäre das Zeitfenster gewesen, in der ich meine Arbeit hätte schaffen müssen, um technischen Konflikten vorzubeugen.

 

Stattdessen ereilte mich die Betriebsfähigkeitsgrenze meines PCs mitten in meiner Arbeit. Doch bei einer Arbeit mit zirka 500 Fußnoten auf 440 Seiten und 10 Transkriptionsdateien auf 390 Seiten hätte das Computerfunktionszeitfenster ohnehin nicht ausgereicht. Trotz Emsigkeit nicht. Die Technik war nicht nur unpassend für mein Pensum ausgelegt, auch das Zusammenspiel aller nötigen Endgeräte gehörte in die Rubrik Katastrophe.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-1031

Druckskript der Magisterarbeit

 

 

 

 

 

Ein Magister?

 

Ein Magister war durch unsere Geistesgeschichte hinweg der Titel für einen gebildeten Menschen. Ich wollte genau das. Ich habe es erreicht, aber das war nur das Glück meines Zeitfensters. Was ich niemals für möglich gehalten hätte, geschah. Man schaffte den Magisterstudiengang ab.

In meiner Uni schaffte man auch das klassische Fachgebiet Germanistik ab. Das tat mir richtig weh. Wenn man das Senken des Bildungsniveaus schon eher vollzogen hätte, hätte ich mir diesen Traum nie erfüllen können! Ich darf gar nicht an daran denken, dass die Zukunft für Studenten bedeutet, unterfordert bleiben müssen.

© Karin Mettke-Schröder

Petra Mettke und Karin Mettke-Schröder-1014

Goethes „Faust“ von 1960

 

Taschenbuch meines Vaters

 

 

 

 

 

 

Der Faustische Sinn?

 

Der Faustische Sinn symbolisiert eine Wahl zwischen Gut und Böse. Eine Lebensgrundsatzentscheidung! Der Schulstoff versuchte in unseren Lernzeitfenstern diese Schwelle zu verankern. Nicht Faust zur Kenntnis nehmen, sondern Faust zu verstehen.

 

Für Abiturienten ging es um die Entscheidung: Wissen um jeden Preis? Goethes Antwort lautet nicht, wie hoch ist verträglich? Die Quintessenz Goethes heißt: kein Preis, gar keinen!

 

Weltliteratur besitzt ganz natürlich eine Botschaft, Qualität „Gut“ ohne Abstriche. Ich habe begriffen, wo die gute Seite ist und dass der „Preis“ bereits die Versuchung des Bösen ist.

© Karin Mettke-Schröder